An(ge)dacht aktuell - Adventskirche Niedervellmar

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An(ge)dacht aktuell

 
1.0 Prozent Wohnung
An(ge)dacht zum Sonntag Exaudi  (24. Mai 2020)
von Pfarrer Thomas Vogt, Adventskirche Niedervellmar
In Sekundenschnelle geschieht es: Ich bin mitten drin, mit einem Schritt über die Schwelle: Mit schweren, Jahrhunderten standgehaltenen Eichenmöbeln ausgestattet sind sie oder eher einem Provisorium gleich im Ikea-Style. Klar und übersichtlich und nüchtern oder überhäuft von verblassten Fotos an den Wänden aus besseren Zeiten, angereichert mit allerlei Nippes auf den Regalen oder gar in anmutigem Gelsenkirchener Barock. Mit überbordend sich biegenden Bücheregalen oder Hörnern von Tieren, die einmal in heimischen Wäldern zu Hause waren. Wohnungen sagen viel aus über unsere Leben, sie erzählen unzählige Geschichte von Liebe und Schmerz, von Standhalten und Aufbruch. So einmalig wie unser Leben.
Um Wohnungen Gottes geht es heute: Ein Schlüsselbegriff dieses eigentümlichen Sonntags Exaudi zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Vom Abschiedsschmerz der Himmelfahrt gedämpft wird davon erzählt wie Gott in unsere Lebensräume bewohnen möchte und zugleich zusichert, dass in seinem Haus viele Wohnungen sein werden, in denen unser Dasein über alle Zeiten hinweg ein Dach über dem Kopf garantiert. Die sind weniger vollgestellt und von Staub benetzt. Eher bescheiden, aufs Wesentliche konzentriert leben sie von der Strahlkraft erfüllender Augenblicke, die alle Abnutzung überdauern.
Sie führen vor Augen, was wirklich zählt. Was wir brauchen für ein vollkommenes Leben. 99 Prozent scheinbar nicht, wenn man den Worten der ostdeutsche Band Silbermond in ihrem Lied “Leichtes Gepäck“ Glauben schenkt:
Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst´ n´ Kabinett aus Sinnlosigkeiten,
siehst das Ergebnis von Kaufen und Kaufen von Dingen, von denen man denkt,
man würde sie irgendwann brauchen,
siehst so viel Klamotten, die du nie getragen hast und die du nie tragen wirst
und trotzdem bleiben sie bei dir
Zu viel Spinnweben und zu viel Kram, zu viel Altlast in Tupperwaren.
Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent davon nicht brauchst.“

Was wir brauchen, um erfüllt zu leben, damit möchte sich dieser Sonntag in Erinnerung bringen. Mit Blick auf unsere Wohnungen und Häuser lässt sich im Handumdrehen wahrnehmen, was dem Leben hilft oder schon lange zu Ballast geworden ist. Paulus beschreibt an seine Christengemeinde in Korinth auf sehr drastische Weise [1. Kor 3, 9-17], wie das göttliche Feuer alles zunichtemacht, was unserem Leben nicht förderlich ist, sondern den Weg durchkreuzt. Manchmal muss dabei auch abgerissen werden, um Neues wachsen zu lassen, damit wir wieder ein Gefühl für den Grund bekommen, auf dem unser Leben steht.
Unsere Wohnungen sind ein wunderbares Sinnbild für das, was wirklich lebensnotwendig heil macht. Wir können getrost reduzieren auf das Mindestmaß von 1.0 Prozent. Neu entdecken, wie wir frei werden von allem, was belastet und beschwert und uns über so manche Staubschicht die Luft zum Atmen nimmt.

 
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